Das „eigentliche“ Problem

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Beim Genuss der Fernsehwerbung für die Kaffeeausschank im Fast-Food Restaurant bohrte es sich wieder einmal in mein Gehör: „…erwartet man eigentlich nichts anderes als den perfekten Kaffeegenuss…“. Und uneigentlich? Welchen Zweck verfolgt dieses Wort in jenem Satz, außer ihn länger zu machen? Zugegeben, ich bin nicht man und was man erwartet, kann ich nicht behaupten zu wissen. Dennoch erwarte ich von tollen Zutaten nichts anderes als perfekten Genuss. Also nicht eigentlich. Es sei denn natürlich, die Einschränkung betrifft den schlecht bezahlten Mitarbeiter, der den Kaffee dann zubereitet, denn da kann ja „eigentlich“ noch eine Menge schief gehen, oder?

Aus der Reihe der sprachlichen Weichmacher (orale Phthalate) wende ich mich heute einem Hauptschuldigen zu. Während Höflichkeitsfloskeln wie ersuchen, bei Gelegenheit, unter Umständen etc. eher in Österreich verbreitet sind, erfreut sich eigentlich neuer Beliebtheit im gesamten deutschsprachigen Raum. Seit es aus der Mode gekommen ist, klare, präzise Sätze zu formulieren, befindet sich eigentlich auf dem Vormarsch.

Warum eigentlich?

Man sollte eigentlich die Häufchen seines Hundes wenn möglich wegräumen. Solche Sätze sagen vor allem eines aus: Wenn nicht, machts auch nichts. Eigentlich ist ein geschickt getarnter Konjunktiv, eine Waffe der Unsicherheit und der Feigheit.

Bin ich zu dick?

Eigentlich nicht.

Und uneigentlich haben Pferd und ich Hintern getauscht oder wie?

Eigentlich müssen wir sparen.

Und uneigentlich gehen wir jetzt trotzdem Geld verplempern.

Ein geneigter Redner kann mit eigentlich seine gesammelten Aussagen im Nachhinein drehen und biegen, wie sie gebraucht werden. Es ist eine eingestreute Absicherung für das Gegenteil, die sprachlichen gekreuzten Finger. Jedes Festnageln auf das Gesagte kann mit dem Berufen auf das uneigentliche pariert werden. Natürlich müssen wir sparen. Wenn ich aber dennoch Geld augeben möchte, sage ich schlicht: Dennoch haben wir uns das jetzt verdient. Im anderen Fall könnte ich ergänzen: Daher lassen wir den Einkauf bleiben.

„Eigentliche“ Sprache ist beliebig und dehnt sich wie alter Kaugummi. Ohne sich auf eine klare Aussage festlegen zu müssen, bleibt man höflich und unverbindlich. Eigentlich hätten wir uns vor zwei Wochen bei Ihnen melden sollen. Eigentlich bin ich schon der Meinung, rechte Strömungen gehören bekämpft. Eigentlich habe ich bei meiner Dissertation nicht abgeschrieben. Die Beispiele aus dem Manager-Deutsch, welches mittlerweile schon ident ist mit dem Politiker-Deutsch sind endlos.

Und im Alltag machen wir es gerne nach.

„Sind zwölf Deka in Ordnung?“

„Eigentlich wollte ich zehn.“

Ich hoffe mit diesem unverbindlichen Satz meine gewünschten zehnDeka zu bekommen. Aber die Dame bei der Feinkost straft mich völlig zu Recht mit einem verwirrten Blick, der nach mehr verlangt. Nämlich nach einem „Ist ok so“ oder einem „Zehn bedeutet zehn“. Der sprachliche Komposthaufen ist erneut um einen unnötigen Satz größer geworden. Und ich habe ein schlechtes Gefühl, eben jenes Gefühl, das ich mit meinem unklaren Satz vermeiden wollte. Ich muss mich jetzt wohl oder übel deklarieren. Will ich, dass die Dame das Blättchen Wurst wegnimmt oder nicht. Mit einem „Bitte nur 10 Deka“ hätte ich dasselbe erreicht und wäre nicht minder höflich gewesen. Widerspruch, auch wenn er gleichzeitig berechtigt ist und wertschätzend formuliert wird, ist in der modernen Sprache der Political Correctness ein Unding geworden, das man tunlichst zu vermeiden hat.

Eigentlich ist an der Zeit sich uneigentlich zu äußern.

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