Du sollst nicht „aber“ sagen

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„Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber …“

„Das finde ich grundsätzlich gut, aber …“

„Du hast natürlich recht, aber …“

Neben den unseligen Weichmachern „vielleicht“, „manchmal“, „unter Umständen“ und ähnlichen Sünden gegen die sprachliche Präzision ist für mich das Wörtchen „aber“ der Hauptschuldige am Tod unzähliger Bäume, die völlig umsonst gestorben sind, um Papier für jene Wörter zu bieten, die vor jenem „aber“ gesetzt wurden.

Besonders grotesk sind immens komplexe Schachtelsätze, gerne von Unternehmensvorständen gebraucht, welche die aktuelle Situation hochloben, die Firma zum Besten seit Erfindung des Toastbrots stilisieren und die Welt zum Sammelbecken von Gelegenheiten formen. Dann kommt ein „aber trotzdem bleibt es uns nicht erspart, die halbe Belegschaft zu eliminieren“. Jetzt mal ehrlich: Kann sich ab diesem Zeitpunkt noch irgendjemand erinnern, was vor dem „aber“ kam? Mildert die Anhäufung hohler Rethorikphrasen in irgendeiner Weise den Einschlag der schlechten Nachricht? Kennen wir nicht alle auch noch jene Redner, die sich und ihrer Rede zusätzlich keinen Gefallen tun, indem sie inmitten der sonst monotonen, fast teigigen Aussprache plötzlich genau das „ABER“ betonen, als wäre es eine Stütze, anhand derer man eine enge, verbale Kurve besser schneiden kann? „Ja, aber …“ bedeutet nein. Da gibt es kein drumherumreden.

„Du hast recht, aber …“ bedeutet, ich bin nicht deiner Meinung und das, was du sagtest, ist irrelevant.

„Das ist super, aber …“ bedeutet somit natürlich, das ist totaler Blödsinn.

Und das allseits beliebte „Ich habe ja nichts gegen XY, aber …“ dient ebenfalls lediglich dazu, sich nicht völlig als intoleranter Spießer hinzustellen, auch wenn das nachher gesagte dies mehr als belegt.

„Aber“ ist der größe Mörder jeder positiven Aussage. Sie wird ins Gegenteil verkehrt, erlaubt das Ausholen zum umso heftigeren Schlag in die Magengrube. Das Aber steht auch im Dienste der „Schachtelierung“ von Satzbauten, fügt zwei völlig konträre Elemente zu einem unheilvollen Ganzen zusammen.

Entledigen wir uns dieses grässlichen Zerstörers. Dieses wertenden, abwertenden Wörtchens, welches kaum ein Mensch als Waffe begreift, das gerade deswegen von jedem als Waffe verwendet wird.

Aber … was sage ich stattdessen? Am besten man gebraucht ein in der gelebten Sprache viel zu selten gewordenes Element. Die Pause. Statt „aber“ sagt man gar nichts, lässt die echte oder geheuchelte Wertschätzung tatsächlich die Möglichkeit, beim Gegenüber anzukommen. Nach der Pause startet man sein Argument oder seinen Angriff mit neuer, unverbrauchter Energie.

„Ich finde gut, was du sagst. Lass es raus, alles.“

„Du hast recht, mit dem was du sagst. Deinen Standpunkt zu verstehen, ist mir wichtig.“

„Ich habe nichts gegen Ausländer.“ – Gut, der Satz wird nicht besser, der ist einfach zu schlecht besetzt. Auch allein entfaltet er seine negative Aura.

Wie man sieht, ist nicht jede Aussage zu retten. Die Eröffnung, dass man 500 Leute abbauen muss, wird auch mit zehn Minuten salbungsvoller Vorarbeit nicht besser. Aber, und hier passt das Wort tatsächlich, indem wir Lob von Negativem trennen, beiden Teilen den Platz geben, der ihnen zusteht, hat das Lob Gültigkeit. Es wird echt, authentischer, nicht ein blosses Einleiten der Hiobsbotschaft. Wer sich nämlich daran gewöhnt hat, dass positive Aussagen stets von einer negativen Aussage verfolgt werden, kann sich an gutem Feedback nicht mehr erfreuen. Die Kommunikation wird, wie so oft, von einer schablonenhaft eingesetzen Regel kaputt konnotiert.

Der Tod jeder „echten“ Kommunikation, jeder noch so tollen Rede, ist und bleibt Berechenbarkeit. Das „Aber“ ist uns von Kindheit an als Grundpfeiler der Berechenbarkeit eingetrichtert worden. Nichts Gutes beginnt mit einem „Aber“.

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